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Psychologische Kriegführung
Henryk M. Broder und die »Lust am Einknicken«. Kampfansage an 1,5 Milliarden Moslems

Ohne lange um Erlaubnis zu fragen, wirft sich der Autor sofort auf die Couch, und Sekunden später offenbart er uns gnadenlos sein Problem: »Um ein Haar wäre auch ich ein Terrorist geworden. Alle Voraussetzungen waren gegeben.« (S. 7) – »Ich wäre der idealtypische Amokläufer gewesen.« (S. 8) – Aber es konnte aus dieser Traumlaufbahn nichts werden, »weil mir schon im Biologieunterricht beim Sezieren eines Regenwurms schlecht wurde. Da ich nicht Terrorist werden konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als Journalist zu werden.« (S. 9)

Eine vermutlich gar nicht so seltene Berufsentscheidung von idealtypischen Amokläufern, die kein Blut sehen können und die es aus irgendwelchen Gründen nicht in die Politik zieht. Der Spiegel-Journalist Henryk Broder hat ein Buch von der »Lust am Einknicken« geschrieben. Gemeint ist die »vorauseilende Selbstaufgabe« Europas vor den moslemischen Horden – die von den europäischen Politikeliten und Medien bereitwillig hingenommene, ja sogar feige vorangetriebene »Transformation Europas in einen islamischen Kontinent«. Es geht also um ein Phantom, das wenig mit der Wirklichkeit und viel mit der Produktion von Wahnvorstellungen und Haß zu tun hat.

In Deutschland ist Broders Buch ein Bestseller. Wäre es in Ländern wie Großbritannien oder Frankreich erschienen, hätte man dort von den 167 Seiten überhaupt nicht Notiz genommen. Das Thema wird da schon seit einigen Jahren von Autoren mit erheblich größerem geistigen Tiefgang bearbeitet. Deutschland steht auch hier wieder einmal deutlich unter dem Weltniveau.

»Eurabische Alpträume«

Das Kultbuch der Kämpfer gegen die vermeintliche islamische »Überfremdung« hat vor zwei Jahren die britische Historikerin Gisèle Littman, bekannter unter ihrem Künstlernamen Bat Ye'or, veröffentlicht: »Eurabia – The Euro Arab Axis«. Die Autorin hat den Begriff »Eurabia« zwar nicht erfunden, wohl aber dessen Anwendung als Schimpfwort für die »Islamisierung« Europas. Sie behauptet, daß seit der sogenannten Ölkrise von 1973 eine geheime Verschwörung zwischen den europäischen und arabischen Eliten bestehe. Europa habe sich dadurch vom Bündnis mit den USA gelöst und sei »in den arabisch-islamischen Einflußbereich übergewechselt«. Deshalb führe Europa, so Bat Ye'or, einen »versteckten Krieg gegen Israel«. Als hervorragenden Beweis nennt sie, daß die Europäer die Forderung nach einem Palästinenserstaat akzeptieren.

Die in dieser Szene herrschende Geisteshaltung zeigt sich in reißerisch-wahnhaften Artikelüberschriften wie »How Europe Died« (Wie Europa starb), »While Europe Slept« (Während Europa schläft), »Europe's Suicide?« (Europas Selbstmord?), »The Slow Death of Europe« (Der langsame Tod Europas), »Eurabia is no Fairytale« (Eurabia ist kein Märchen), »The Rapid Islamization of Europe« (Die rapide Islamisierung Europas), »Eurabian Nightmares« (Eurabische Alpträume), »Goodbye Europe, Hello Eurabia«, »The Muslim Brotherhood's Conquest of Europe« (Die Eroberung Europas durch muslimische Bruderschaften) oder »Why Al-Qaeda Will Dominate the European Union« (Weshalb Al Qaida die EU dominieren wird). Im Zentrum dieser Weltanschauung steht die im 19. Jahrhundert entstandene vulgärdarwinistische Theorie vom ewigen Kampf der Rassen und Kulturen, in dem die Schwachen untergehen und die Stärkeren über kurz oder lang die Weltherrschaft an sich reißen. Und da der Westen »schwach, dekadent und nicht einmal bedingt abwehrbereit« ist (Broder, S. 24), hat er gegenüber dem Islam bereits das Handtuch geworfen. Kapitulation besteht nach Ansicht dieser Szene schon darin, wenn man das historische Faktum eines islamischen Anteils an der europäischen Kulturgeschichte anerkennt. Einige Autoren gehen sogar so weit, die Kreuzzüge als legitime Verteidigung zu rehabilitieren.

Historisch gesehen hat die Theorie vom Kampf der Rassen und Kulturen um die Weltherrschaft immer dazu gedient, das eigene aggressive Machtstreben zu legitimieren, indem man es als gerechte, überlebensnotwendige, vom Gegner aufgezwungene Selbstverteidigung darstellt. Auch heute geht es im Kern um nichts anderes. Die Vorstellung, daß die Moslems nach der Weltherrschaft streben, mag zwar in den Köpfen einiger Fundamentalisten vorhanden sein. Sie ist aber sehr weit von der Realität entfernt. Tatsache ist vielmehr, daß der in der NATO vereinigte Westen einen eskalierenden Angriffskrieg gegen die moslemische Welt führt. Schauplätze sind heute schon Afghanistan, Irak, Libanon, die von Israel besetzten Palästinen­sergebiete. Eine Ausdehnung auf Somalia, Iran, Pakistan zeichnet sich ab. Dieser Krieg kostet Hunderttausende Menschenleben, verwüstet und destabilisiert die angegriffenen Länder nachhaltig und richtet sie für einen unabsehbar langen neokolonialen Status zu.

Rassistische Vorurteilsbildung

Henryk Broder hat für den Irak-Krieg geworben, und er fordert jetzt von den Europäern, sie müßten den USA und Israel bei der »Entwaffnung der Mullahs«, also beim geplanten Krieg gegen Iran, helfen. In diesem militärstrategischen Kontext ist sein Buch »Hurra, wir kapitulieren« ein Beitrag zur rassistischen Vorurteilsbildung gegen die Moslems und ihre Religion, den Islam. Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus verhöhnt Broder als »feinsinnig« (S. 11), was in seinem Sprachgebrauch soviel wie »schwachsinnig und völlig überflüssig« bedeutet. Wer differenziert, der kapituliert im Grunde schon, lautet die Botschaft. Broder steigert sich noch mit dem Kalauer, der Unterschied zwischen Islam und Islamismus entspreche vermutlich dem zwischen Alkohol und Alkoholismus (S. 53). Und er landet schließlich bei der von ihm offensichtlich geteilten Unterstellung, »daß der Islamismus den Islam nicht mißbrauchen, sondern ihn wörtlich nehmen könnte« (S 54). Wer ist schuld, wenn moslemische Kinder ihre deutschen Mitschüler beschimpfen und verprügeln? Der Islam. Der umgekehrte Fall taucht in Broders Buch selbstverständlich gar nicht erst auf. Ein ganzes Kapitel über Gewalttätigkeiten an deutschen Schulen beruht auf der absurden Prämisse, daß Streitereien und Handgreiflichkeiten ausschließlich von moslemischen Kindern und Jugendlichen ausgehen. Broders Erklärung: Sie sind von ihren Eltern im Geist der Intoleranz und der Verachtung Andersgläubiger erzogen worden.

Nach diesem Muster reiht der Autor völlig einseitig Fallbeispiele aneinander, von denen die meisten ursächlich kaum etwas mit dem Islam zu tun haben, um seine Grundthese vom unvermeidlichen »Clash of Civilizations« zu untermauern. Den der Westen nach Ansicht Broders schon verloren hat: »Der freie Westen, der sonst bei jedem Hakenkreuz auf einer Hauswand ›Wehret den Anfängen!‹ ruft, hat gezeigt, daß er der islamischen Offensive nichts entgegenzusetzen hat.« (S. 20) Das könnte auch in einem NPD-Flugblatt stehen.

Ein Beispiel für Broders Methode der akkumulativen Vorurteilsbildung: »Im Januar 2006 forderten drei Moslem-Väter von Mädchen an einer Linzer Volksschule die Einführung des Kopftuches – für Lehrerinnen.« (S. 47) Die Väter, zwei Bosnier und ein Tschetschene, weigerten sich laut Broder auch, die Lehrerinnen mit »Sie« anzureden, weil sie als Frauen keinen Respekt verdienten. Falls die Geschichte sich wirklich so zugetragen haben sollte – was bei Broder schwer zu beurteilen ist, da er konsequent auf die Nennung von Quellen verzichtet –, handelt es sich um drei Exzentriker mit einem außerordentlich flegelhaften Benehmen. Über Moslems in Europa sagt uns der völlig untypische Einzelfall genaugenommen gar nichts. Und über die unterstellte europäische »Lust am Einknicken« ebenso wenig.

Ein weiteres Beispiel: In Spiegel Online schrieb Broder am 4. Januar in einer Aufzählung angeblicher moslemischer Verrücktheiten, mit denen in Europa viel zu verständnisvoll umgegangen werde: »Aus Oberösterreich wurde bekannt, daß zwei Mütter muslimischer Schüler gegen die Benutzung des Kreuzes als Pluszeichen bei Rechenaufgaben protestierten – ein christliches Symbol sei ihren Kindern nicht zumutbar.«

Tatsache ist, daß in allen moslemischen Ländern das international übliche Pluszeichen in Kreuzform verwendet wird. Das einzige Land, das aus ideologischen Gründen ein eigenes Pluszeichen kreiert hat – in Form eines auf den Kopf gestellten T – ist Israel.

Die Geschichte aus Oberösterreich ist also bestenfalls völlig atypisch und belanglos. Kein vernünftiger Mensch würde aus dem Auftauchen eines Geisterfahrers auf der Autobahn schlußfolgern, daß sich in Deutschland der Linksverkehr durchsetzt und die Polizei bereits kapituliert hat. Einiges deutet außerdem darauf hin, daß der Vorfall mit den beiden Müttern nur ausgedacht ist. Er fand sich zuerst am 22. Dezember vorigen Jahres in einer moslemfeindlichen Glosse der österreichischen Tageszeitung Die Presse – ohne Angabe des Ortes, ohne jedes Detail und ohne Quelle. Andere österreichische Medien scheinen von dem angeblichen Vorfall keine Notiz genommen zu haben. Noch am selben Tag stand die fragwürdige Meldung auf der Webseite »Politically Incorrect«, die hemmungslose Antimoslemhetze mit blindem proisraelischen Hurra-Patriotismus verbindet. Seither geistert die angebliche Geschichte aus Oberösterreich durch die einschlägigen Blogs, zusammen mit aggressiv rassistischen Kommentaren, in denen sich selbsternannte Herrenmenschen über die unterstellte Dummheit der Moslems lustig machten. Motto: selbst schuld, wenn sie nichts lernen wollen!

[Eine Passage des Beitrages müssen wir aufgrund eines von Udo Ulfkotte beim Landgericht Frankfurt/Main erwirkten Beschlusses bis auf Weiteres entfernen. Red.]

Fahr nicht mit dem Moslem!

Wer gern bis zur Schleudertrauma-Grenze den Kopf über verrückte Moslems schüttelt, kommt auch auf der von Henryk Broder und einigen seiner Freunde edierten Webseite »Die Achse des Guten« immer wieder voll auf seine Kosten. Nachprüfbar sind die Geschichten meist nicht, oft stammen sie aus tendenziösen Quellen wie »Sharia Watch«. Dort erfährt man beispielsweise, daß es im kanadischen Vancouver moslemische Taxifahrer gibt, die sich weigern, Blinde mit ihrem Hund zu transportieren, weil Hunde im Islam als unrein gelten. (18.11.2006) Wer schon mal versucht hat, in Deutschland mit einem großen Hund ein Taxi zu besteigen, weiß allerdings, daß das kein ausschließlich religiöses Problem ist.

Wie unverschämt und intolerant sich moslemische Taxifahrer benehmen, zeigt sich, laut »Achse des Guten«, auch daran, daß einige von ihnen am Flughafen von Minneapolis (USA) keine Fahrgäste befördern wollen, die Alkohol bei sich haben (29.9.2006). Vielleicht hat das in Wirklichkeit weniger mit dem Koran als mit den teilweise absurd strengen Anti-Alkohol-Gesetzen vieler US-Bundesstaaten zu tun, aber so genau will das einschlägig interessierte Publikum es gar nicht wissen.

Ein Potpourri wahrer oder erfundener Einzelfälle mit geringem Informationsgehalt addiert sich zu zwei generellen Botschaften: 1. Moslems sind ignorant und intolerant. 2. Wir lassen uns von den Moslems viel zuviel gefallen. Gleich zu Beginn seines Buches schreibt Broder, es gehe »um 1,5 Milliarden Moslems in aller Welt, die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen« (S. 13). »Unvorhersehbare Reaktionen« meint im Kontext, da ist gar kein Zweifel möglich, alle Arten von Gewalttätigkeit, bis hin zum Terrorismus. – Wie muß es im Kopf eines Menschen aussehen, der 1,5 Milliarden Individuen exakt dieselben Eigenschaften zuschreibt? Menschen völlig unterschiedlicher Kulturen, zwischen denen es riesige Unterschiede auch in religiöser Hinsicht gibt. So weit wie Broder in diesem Punkt gehen selbst ganz wilde Rassisten in der Regel nicht. Und weit und breit kein guter Freund, kein professionell arbeitender Verlagslektor, der dem Autor im eigenen Interesse zur Mäßigung geraten hätte?

Als Modell für die allen 1,5 Milliarden Moslems der Welt unterstellte Verbindung von »chronischem Beleidigtsein« und »unvorhersehbaren Reaktionen« gelten Broder die Proteste gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen. Er schreibt: »Millionen von Moslems, die keine Gelegenheit hatten, auch nur einen Blick auf die Zeichnungen zu werfen, und die nicht einmal wissen, wo Dänemark liegt, demonstrieren gegen die Kränkung des Propheten, angefeuert von Imamen, die eine eigene Agenda haben.« (S. 18) – »Millionen«? Woher nimmt Broder das? Er verrät es nicht. 100000, höchstens 150000 Demonstranten weltweit dürften der Realität nahekommen. Im Rückblick ist erstaunlich, wie klein die meisten der Demonstrationen (Anfang Februar 2006) waren. In Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens (das Land mit der größten Moslembevölkerung der Welt), 300 Menschen. 2000 bis 5000 Protestierer in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, einer Stadt mit über sechs Millionen Einwohnern. Ungefähr ebenso viele in Islamabad, der Hauptstadt Pakistans, einem Land, in dem es mehrere große islamistische Oppositionsparteien gibt. Ein paar hundert Menschen im afghanischen Kabul. 3000 Demonstranten in Kairo, einer Stadt mit über 15 Millionen Einwohnern. Die größten Proteste fanden in Beirut und in der marokkanischen Hauptstadt Rabat mit jeweils etwa 20000 Teilnehmern statt. Letztere angeführt von pro-amerikanischen Regierungsmitgliedern, die es nötig haben, gelegentlich zu zeigen, daß sie gute Moslems sind.

Der von Broder breit ausgewalzte Karikaturenstreit ist ein zentrales, immer wiederkehrendes Argument seines Buches. Die angebliche Überempfindlichkeit und Reizbarkeit der Moslems an ihren Reaktionen auf Beleidigungen Mohammeds oder des Koran zu messen, ist allerdings so total daneben, als würde man Juden der Humorlosigkeit bezichtigen, weil sie über antisemitische Karikaturen nicht lachen mögen. Daß es Kulturen wie die britische gibt, wo es, ohne daß dafür Gesetze erforderlich wären, als ausgesprochen unzivilisiert gilt, andere Menschen mutwillig zu verhöhnen und zu verletzten, ist Broder fremd und unbegreiflich. Er kann den Verzicht der britischen Medien, die dänischen Mohammed-Karikaturen nachzudrucken, nur als Feigheit und Kapitulantentum mißverstehen. Selbst ein offensichtlich rechtsextremer deutscher Rentner, der Klopapier mit dem arabischen Schriftzug »Der heilige Koran« bedruckte und verschickte, gilt Broder noch als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, so wie er sie versteht. (S. 33)

Moslemfeindlichkeit gibt es nicht

Die im Dezember vergangenen Jahres erschienene Studie »Muslims in the European Union – Discrimination and Islamophobia«, herausgegeben vom European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia, konstatiert eine zunehmende Moslemfeindlichkeit. Der Bericht beschreibt bespielsweise Hunderte Fälle von Gewalt und Drohungen seit 2004, darunter Beschädigungen, Schmierereien und Brandstiftungen an Moscheen und islamischen Zentren ebenso wie gewalttätige Angriffe gegen Moslems. Die Verfasser der Studie beklagen, daß Großbritannien das einzige europäische Land sei, das eine Hate-Crime-Liste veröffentlicht, in der Übergriffe gegen Moslems gesondert ausgewiesen sind.

Ebenfalls im Dezember erschien die Studie »Deutsche Zustände« des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer, der eine »steigende Islamophobie« in Deutschland behauptet. Das Besondere: Während im allgemeinen Ausländerfeindlichkeit mit höherem Bildungsrad abnimmt, treffe das für moslemfeindliche Einstellungen nicht zu. Sie gelten offenbar auch bei Teilen des Bildungsbürgertums als schick. Die freundliche Aufnahme, die Broders Buch bei den meisten Medien gefunden hat, bestätigt diesen Befund. Hier und da schieße der Autor ein bißchen übers Ziel hinaus, räumen viele Rezensenten ein, aber das sei doch gerade das Lustige, Unterhaltsame. Die systematische Verbreitung von Ressentiments wird von meinungsbildenden Teilen der deutschen Gesellschaft geschmäcklerisch konsumiert. Man erinnert sich, daß für die gleichen Kreise ein Harald Schmidt in einer Zeit zur Kultfigur wurde, als er keine Sendung ohne mehrere primitive polenfeindliche »Witze« zu Ende gehen ließ. »Political Incorrectness«, das Spiel mit rassistischen Klischees, steht in Deutschland wieder hoch im Kurs. Kaum jemand wagt in den Mainstream-Medien noch einzuwenden, daß das Verbreiten von Ressentiments schlichtweg unanständig und übrigens auch denkbar unintellektuell ist.

Was Henryk Broder angeht: Feindselige Einstellungen, Gewalttaten und alltägliche Diskriminierungen gegen Moslems kommen in seinem Buch an keiner Stelle vor. Sie anzusprechen, würde offenbar die gradlinige Schwarz-Weiß-Propaganda – die Moslems tanzen uns auf der Nase rum und wir Trottel lassen uns alles gefallen – beschädigen und in Frage stellen. Denn was Broder ganz bestimmt nicht will, ist eine sachliche Erörterung der Probleme mit all ihren Aspekten.

Immerhin, das Wort »Islamophobie« taucht in Broders Buch einmal auf. Auf Seite 116. Dort schmäht der Autor den Zentralrat der Juden in Deutschland, weil er gemeinsam mit der Türkisch-Islamischen Union ein Symposion über »Antisemitismus, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit« veranstaltete. »Er gibt damit dem Phantombegriff ›Islamophobie‹ den Anschein des Realen«, so Broders Vorwurf an den Zentralrat. Das sollte sich auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hinter die Ohren schreiben. Was Broder nicht wahrhaben will, das gibt es nicht.
Knut Mellenthin

Henryk M. Broder: Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken. Verlag Wolf Jobst Siedler jr., Berlin. 2006, 167 S. geb., 16 Euro

Quelle: Junge Welt -- 17.01.2007
  
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