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Käßmann, die Reformation und der Islam
Käßmann - Landesbischöfin der evangelischen Kirche in Hannover

«Ein kritisches Betrachten der eigenen Traditionen, auch ein Hinterfragen, bringt ein enormes Freiheitsmoment. Insofern wäre so etwas wie eine Reformation auch für den Islam gut«

Margot Käßmann, Hannovers Landesbischöfin von der evangelischen Kirche

 

Luthers Verdienst für die Christen ist nicht zu übersehen, soll von uns auch nicht klein geredet werden. Man kann aber nicht behaupten, dass Luther mit seiner Kritik an der Institution Kirche ein back-to-root - über Paulus hinweg - zu Jesus schaffen konnte, wenn er es überhaupt wollte. Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann stellt am Reformationstag fest: «Luthers Erkenntnis, dass wir in Glaubensdingen weder Papst noch Kaiser brauchen, ist immer noch wegweisend und modern.» Gewiss, das kann man nicht oft genug wiederholen. Dieses Postulat hat der Koran vor 14 Jahrhunderten in dem unkomplizierten Glaubensbekenntnis des Islam manifestiert: "Lâ ilaha illallah, Muhammedun rasulullah". Man braucht in Glaubensdingen keinen Papst, keinen Kaiser aber auch keinen Paulus, wenn man einen Jesus hat, der "kein Wort des alten Testament aufgehoben hat", wie ein Gottergebener lebte, sodass man ihn mit Rabbi ansprach, beschnitten war und kein Schweinefleisch verzehrte. Zudem wurde ihm von Paulus eine Göttlichkeit zugedichtet. Paulus sollte man eine übergöttliche Stellung einräumen, wenn durch seine Worte die Worte Jesu abrogiert werden konnten.


Und überhaupt, die Tatsache, dass ein wissenschaftlicher Versuch auch nur unter den gleichen Voraussetzungen zu denselben Ergebnissen führen kann, wird in einem gesellschaftlichen Phänomen wie Religion übersehen. Haben die Muslime die gleichen Voraussetzungen wie damals zur Zeit Luthers? Gewiss nicht. Die Koranverse sind genauso unverändert, authentisch und vital wie zur Zeit ihrer Offenbarung. Die bindenden Worte des Gesandten sind dokumentiert und kategorisiert, wovon die vier neutestamentarischen Schriften meilenweit entfernt sind, geschweige denn die Briefe von Paulus. Wir haben in dem Sinne auch keine Mutterkirche als Sprecherin Gottes auf Erden. Einen Paulus, der die ganze Lehre auf den Kopf gestellt hat und behauptete auf Anweisung Gottes zu handeln und umzudeuten, finden wir in der islamischer Geschichte (Gott behüte) auch nicht.
Muslime sind im Koran angeraten, nicht die Fehler zu wiederholen, die der überwiegende Teil der vorangegangenen Völker mit einer göttlichen Offenbarungsschrift in der Hand begangen haben.

Muslime nahmen dies zu Herzen und bitten in ihrer fünfmaligen Begegnung an einem Tag mit Allah mindestens 20 Mal darum, nicht vom rechten Weg abzukommen. Muslime sind Gottergebene aus freier Willenskraft. Ihr Leben wird nicht von den einheimischen Traditionen bestimmt. Der Koran fordert die Muslime und seine Zielgruppe immer auf, die ererbten Traditionen ohne Sinn und Halt zu Gunsten der natürlich-göttlichen Sozialordnung aufzugeben und sich immer wieder diesbezüglich zu regenerieren.

Aufklärungsbedarf in Sachen Islam wird wohl nie ein Ende finden. Auch die sogenannten Reformierten brauchen anscheinend eine Reformation ihrer Einstellung zum Islam und Muslime, und – wichtiger noch – zu Luther und der evangelischen Kirche.

Sami Alphan


  
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