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Kölner Moscheebau
Kritik ohne Selbstkritik
Muhammad Kalisch In Köln soll eine Moschee gebaut werden, und dieses Vorhaben hat die ohnehin schon vorhandene Debatte über den Islam in diesem Land weiter angeheizt. Der Islam wird derzeit heftig kritisiert. Meines Erachtens ist dabei manches, was an Islamkritik vorgebracht wird, durchaus berechtigt, und wir Muslime tun gut daran, uns mit dieser Kritik ernsthaft auseinanderzusetzen. Wenn der Islam nicht als dauerbeleidigter und selbstmitleidiger Obskurantenverein enden möchte, dann muss sich das islamische Denken neuen Herausforderungen stellen und auch neue Wege gehen.
Allerdings bin ich auch der Auffassung, dass ein Teil der derzeitigen Islamkritik ein erhebliches Glaubwürdigkeitsdefizit aufweist, weil diese Kritik eine ebenfalls notwendige Selbstkritik und Ausgewogenheit stark vermissen lässt. Diese Kritik hat es vielmehr darauf abgesehen, ein Feindbild und Bedrohungsszenario zu entwerfen. Der Islam, so wird behauptet, sei etwas ganz anderes als Judentum und Christentum. Ständig wird derzeit von jüdisch-christlichen Werten gesprochen. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Christenheit sehr, sehr lange gebraucht hat, um diese Verbundenheit mit dem Judentum zu entdecken und 1900 Jahre lang über das Judentum eindeutig negativ geurteilt hat, haben die Juden mit den Muslimen weniger Schwierigkeiten und wissen sehr wohl um die enge Verwandtschaft und Ähnlichkeit zwischen den beiden Religionen. Der Koran, so heißt es, sei eine zur Gewalt aufrufende und Gewalt verherrlichende Schrift. Hier nun hilft den so argumentierenden Verteidigern des Abendlandes die Tatsache, dass hierzulande kaum jemand die Bibel liest. Das Alte Testament enthält viele extrem Gewalt verherrlichende Passagen, und auch das Neue Testament ist ethisch nicht unproblematisch. Die simple Wahrheit nämlich ist, dass Bibel wie Koran in ihren wörtlichen Aussagen nicht den heutigen ethischen und menschenrechtlichen Mindeststandards entsprechen. Ebenso muss betont werden, dass diese heutigen ethischen und menschenrechtlichen Standards nicht dem Judentum, Christentum oder Islam zu verdanken sind, sondern der Aufklärung. Judentum, Christentum, Islam und selbstverständlich auch andere Religionen wie Hinduismus oder Buddhismus haben jeweils eigenständige Beiträge zum menschlichen Fortschritt geleistet, die natürlich ebenfalls nicht zu leugnen sind, aber Demokratie, Pluralismus, Menschenrechte und Rechtsstaat in der Form, wie wir sie heute kennen, sind das Produkt der Aufklärung. Nachdem die Aufklärung sich durchgesetzt hatte, schlossen sich viele Christen und Juden dieser Karawane an und versuchten, ihre religiöse Tradition mit diesem Denken in Einklang zu bringen. Das führte schließlich auch zur Entwicklung der historisch-kritischen Theologie, denn zur Erkenntnis der Aufklärung gehört auch, dass alle Religionen und heiligen Schriften menschliche Konstrukte sind, die eine Entstehungsgeschichte haben. Genauso wenig einheitlich wie ChristentumDie Aufklärung selbst aber war ein von Judentum und Christentum unabhängiger und eigenständiger Beitrag zur menschlichen Geistesgeschichte, und ein Judentum und Christentum, das sich mit der Aufklärung versöhnte, konnte nicht mehr dasselbe Judentum oder Christentum sein wie vor der Aufklärung. Daher gibt es auch bis heute keine einheitliche Haltung von Judentum und Christentum zur Aufklärung - wobei anzumerken ist, dass es ohnehin nie ein einheitliches Judentum, Christentum oder einen einheitlichen Islam gegeben hat. Bis heute gibt es nicht wenige Christen, die der Aufklärung skeptisch bis offen ablehnend gegenüberstehen. Die Debatte, die wir jetzt führen, sollte daher keine Debatte ausschließlich über Fundamentalismus im Islam sein, sondern eine generelle Debatte über religiösen Wahn und Irrsinn. Christliche Gewalt ist aktuellDer Islam ist mit der Aufklärung genauso viel oder wenig kompatibel wie Judentum oder Christentum. Es hängt einzig davon ab, mit welcher Methodik Muslime ihre religiöse Tradition erforschen. Was Aufklärung und Menschenrechte betrifft, so ist die Haltung des „Westens“ keineswegs so eindeutig, wie stets nach außen bekundet wird. Wir sehen, dass bestimmte politische Kräfte immer mehr in die Freiheitsrechte von Bürgern eingreifen und gängige Menschenrechtsstandards systematisch abbauen wollen. Im Christentum gibt es fundamentalistische Strömungen, die versuchen, immer stärkeren Einfluss auf die Politik zu nehmen - wobei Christen generell dazu tendieren, sich unpolitischer darzustellen, als sie es in Wirklichkeit sind. Regelmäßig wird hier erwidert, dass es diese Probleme sicherlich gäbe, aber ein fundamentaler Unterschied zum Islam eben darin bestünde, dass der Islam gewalttätig und kriegerisch und das Christentum friedlich und daher eigentlich harmlos sei. Nun, ebenso wie islamische Fundamentalisten nicht das geringste Problem damit haben, den Islam als die Religion des Friedens zu bezeichnen und dann Menschen zu töten, so wenig haben fundamentalistische Christen ein Problem damit, von Nächstenliebe zu sprechen und dann Menschen zu töten. Christliche Gewalt ist kein Problem von Altertum und Mittelalter, sie ist aktuell bis in die Gegenwart. Ob Francos Spanien, Ustascha-Kroatien, der Nordirlandkonflikt oder der Balkankrieg - die Liste von Gewaltherrschaft und Krieg mit christlicher Begründung ist lang. Das islamische Denken braucht eine Erneuerung, und es gibt in der islamischen Geistesgeschichte viele Ansatzpunkte, die eine Harmonisierung mit der Aufklärung auch aus der eigenen Geistesgeschichte heraus ermöglichen. Wie weit und wie schnell der Prozess der Aufklärung im Islam voranschreiten wird, hängt letztlich allein von den Muslimen ab, aber es ist klar, dass eine Akzeptanz der Aufklärung weitaus größere Chancen hat, wenn Kritik am Islam im Namen der Aufklärung der Aufklärung auch wirklich würdig ist. Wer ein Bild vom Islam zeichnet, das dem Islam jegliche zivilisatorische Leistung abspricht, die Vielfalt seiner Geistesgeschichte ignoriert und jeden Muslim als Terroristen sieht, der leugnet Tatsachen und konstruiert ein absurdes Feindbild. Die Menschen sollten sich sehr genau fragen, wer ein Interesse an einem solchen Feindbild haben könnte und wofür es dienen soll. Eine Beschäftigung mit der Bedeutung von Grundrechten tut notUm noch einmal auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Wer Muslimen ein würdiges Gotteshaus verweigert und sie weiterhin in Hinterhofmoscheen in Rotlichtvierteln sehen möchte, der darf sich dann auch nicht wundern, wenn sich dort entsprechend dubiose Predigergestalten der Gemeinde annehmen. Auch eine genauere Beschäftigung mit Wesen und Bedeutung von Grundrechten wäre anzuraten. Ein Moscheeprojekt wie in Köln gibt den Muslimen das Gefühl, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. Dadurch wird die Mehrheit der Muslime gestärkt, die mit Extremismus nichts zu tun haben möchte. Und es wird die für die Festigung von Vertrauen notwendige Transparenz gefördert. Quelle: KSTA.de |