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»Ich klage gegen meine Entlassung«
US-Uni entließ Professor, weil er herrschender Interpretation des 11. September 2001 widersprach. Gespräch mit Ward Churchill

Ward Churchill ist Aktivist des American Indian Movement (AIM) und Professor an der University of Colorado in Boulder, USA

Am Dienstag hat die Universitätsleitung von Boulder in Colorado nach langen Beratungen hinter verschlossenen Türen, begleitet von Protesten der Studierenden, beschlossen, Sie als Professor zu entlassen. Was wirft man Ihnen vor?

Die Kontroverse reicht ins Jahr 2005 zurück. Damals hat eine College-Zeitung ein drei Jahre altes Essay von mir abgedruckt, in dem ich mich mit den Ereignissen des 11. September 2001 befaßt habe.


Sie haben in dem Artikel den Angriff auf das World Trade Center als Konsequenz einer langen Geschichte der Interventionspolitik der USA bezeichnet.

Ich wollte herausarbeiten, daß die Anschläge mit der US-Außenpolitik im Nahen und Mittleren Osten zusammenhängen. Aber damals interessierte das niemanden. Konservative Kreise haben die Kampagne gegen mich erst Jahre später am New Yorker Hamilton College ausgelöst, um einen Vortrag an ihrer Schule zu verhindern. Bill Owens, der republikanische Gouverneur von Colorado, hat meinen Text danach öffentlich verurteilt und die Universitätsleitung aufgefordert, mich unverzüglich zu entlassen.


Nun hat die Universitätsleitung also Ihre Entlassung verfügt. Welche Gedanken gehen Ihnen jetzt durch den Kopf?

Zunächst einmal hat damit eine zweijährige Phase eisiger Ablehnung der Unileitung gegen mich ihr Ende gefunden. Man hat verzweifelt versucht, die Tatsache, daß ich wegen meiner politischen Meinung gefeuert werden sollte, zu verschleiern und mir Verstöße gegen die ehernen Regeln von Forschung und Lehre nachzuweisen. Für mich ist mit dem Abschluß dieser Phase nun die Zeit der defensiven Haltung vorbei, ich gehe in die Offensive. Am Mittwoch habe ich Klage vor Gericht gegen meine Entlassung eingereicht.


Wen verklagen Sie?

Die Leitung der University of Colorado, weil sie einen schändlichen und völlig unwissenschaftlichen Untersuchungsbericht gebilligt hat, der den Vorwand für meine Entlassung bot. Ich sage bewußt unwissenschaftlich, weil dieser Bericht bar jeder gebotenen Genauigkeit ist. Die Verantwortlichen haben sich sogar geweigert, ihn durch Fachleute prüfen zu lassen. Der Vorwurf des unwissenschaftlichen Arbeitens, den man mir gemacht hat, fällt auf den Untersuchungsausschuß zurück, der gegen mich ermittelt hat. Er selbst hat im großen Stil gefälscht und angebliche Aussagen von mir fabriziert. Mit anderen Worten: Der Bericht ist ein einziger Betrug.


Der Vorwurf, unwissenschaftlich gearbeitet zu haben und ein Plagiator zu sein, konnte also nicht erhärtet werden?

Nein, es gibt keinen Nachweis darüber, daß irgend etwas, das ich gesagt habe, auch nur ungenau ist, geschweige denn gefälscht oder daß ich von anderen abgeschrieben habe. Der Bericht diente nur dazu, öffentlich Stimmung gegen mich zu machen, vor allem unter den sehr gut organisierten und sehr aktiven rechten Lobbyisten und Politikern.


Ist Ihr Essay über den 11. September überhaupt Gegenstand des Untersuchungsberichts gewesen?

Nein. Nachdem dieses Essay als Auslöser der Kampagne herhalten mußte, spielte es keine Rolle mehr. Es geht ja auch um etwas anderes: Ich soll stellvertretend für einen Kreis herhalten, dessen kritische Linie in der historischen Analyse man diskreditieren will. Man will wieder zur rein triumphalistischen Interpretation der US-Geschichte zurückkehren, die der weißen Vorherrschaft huldigt. Darum ging es bei dem über zweijährigen Schmierentheater, das man gegen mich inszeniert hat. Es geht also um mehr als meine Person. An mir soll deutlich gemacht werden, welche Konsequenzen es hat, wenn man sich in bestimmten Domänen der herrschenden Orthodoxie widersetzt.


Wie hat die Presse in Colorado reagiert?

Sie hat sich dazu instrumentalisieren lassen, mich und meine Arbeit öffentlich zu demontieren. Es existiert eine geradezu symbiotische Beziehung zwischen der Universitätsverwaltung und der Presse. Es gab 400 Artikel über das, was man meinen »Fall« nennt. Als der Papst starb, war nicht er es, der auf Seite eins der Rocky Mountain News Schlagzeilen machte, sondern ich. Diese Zeitung war führend darin, mein Recht auf freie Meinungsäußerung hinter der Nebelwand der Lügen verschwinden zu lassen.

Interview: Amy Goodman
Übersetzung: Jürgen Heiser
Quelle: Junge Welt - 27.07.2007
  
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