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Islamismus-Debatte
Rüttgers: Westen hat weltweiten Terror provoziert
Jürgen Rüttgers (CDU)

Der Nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) hat dem Westen vorgeworfen, den internationalen Terrorismus mitprovoziert zu haben. Damit deutet er die weltweit praktizierte Gewalt der Islamisten neu. Und provoziert die Befürworter der brüchigen Allianz der Westmächte im Kampf gegen den Terror.

"Der von der westlichen Zivilisation auf traditionelle Gesellschaften und Kulturen ausgehende Anpassungs- und Veränderungsdruck in allen Lebensbereichen provoziert Abwehrkräfte - eine davon ist der transnationale Terrorismus", sagte Rüttgers in einer Rede vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

Rüttgers hielt seine Rede zu dem Thema "Europas Rolle in einer neuen Weltordnung" am vergangenen Montagabend. Sie verhallte bislang weitgehend ungehört - obwohl sie politischen Sprengstoff enthält. Nie zuvor hat ein führender Unionspolitiker dem Westen vorgehalten, den islamistischen Terror mitverursacht zu haben. Zur Mehrheitsmeinung in der Union gehört es, den radikalen Islam allein für den Terror verantwortlich zu machen und Gründe nicht in einer sozialen Widerstandsbewegung zu suchen.

Der politische Konsens deckt sich mit der Analyse des Essayisten Hans-Magnus Enzensberger, der in Terroristen "radikale Verlierer" sieht, deren Unterlegenheitsgefühl durch kein Entgegenkommen des Westens zu beheben sei. Mit seiner These der Provokation durch den Westen weicht Rüttgers von der bisherigen Deutung der Union ab.

In seiner Rede nannte Rüttgers den internationalen Terrorismus eine "Frucht der Ungleichzeitigkeit". Und weiter: "In der einen Welt leben zwar alle Menschen zur selben Zeit, aber nicht in derselben Zeit und insofern auch nicht in derselben Welt." Mit diesem Ansatz steht Rüttgers in der Nähe von Kritikern des Westens wie der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy. Die Galionsfigur der Globalisierungskritiker hatte am 28. September 2001, nur wenige Tage nach den Anschlägen von New York und Washington, eine heftige Debatte ausgelöst. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" warf sie den USA vor, durch ihr "rücksichtsloses Handeln" als Supermacht die Attentate selbst provoziert zu haben: "Es ist eine alte Erkenntnis, dass jede Saat auch einmal aufgeht."

Auf Nachfrage sagte der nordrhein-westfälische Regierungssprecher Andreas Krautscheid, Rüttgers habe keineswegs beabsichtigt, dem Westen eine Schuld für den Terrorismus zuzuschreiben. Es sei lediglich darum gegangen, die Beschleunigungsprozesse in der westlichen Welt zu schildern.

Diese erzeugten einen Veränderungsdruck, mit dem viele traditionalistische Gesellschaften nicht klarkämen. Sie reagierten darauf mit einem Rückzug in die Tradition, manche auch aggressiv. Rüttgers habe nur den "Stand der wissenschaftlichen Debatte" wiedergegeben und sich damit nicht in Nähe zu Arundhati Roy begeben wollen.

Quelle: Die Welt -- 5. Februar 2007
  
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