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Islam im Konstruktionsprozess griffiger unkorrigierbarer Vorurteile
Steht die Islamisierung Europas unmittelbar bevor?

Von Naime Cakir

Der Antrag einer deutschen Muslima, sich vor dem Ablauf des Scheidungsjahres von ihrem prügelnden marokkanischem Ehemann zu trennen, wurde, wie wir aus den Medien entnehmen konnten, mit blindem Kulturrelativismus abgelehnt. Bei ihrer Urteilsfindung bezog sich die zuständige Familienrichterin auf den Koran, da dort, so ihre Argumentation, in der Sura 4/34 dem Manne das Züchtigungsrecht seiner Frau gegenüber vorbehalten sei.

Hierzu ist zunächst festzuhalten, dass jegliche Form von häuslicher Gewalt, wie sie auch immer begründet sei, abzulehnen ist. Dies muss moralisch wie rechtlich absolute Gültigkeit haben. Und dies gilt insbesondere für eine Richterin, die in jedem Falle nach dem deutschen Familienrecht zu urteilen hat. Dies war allgemeiner Konsens der heftigen Reaktionen auf dieses als skandalös erlebten Urteilspruches. Wie bekannt, wurde das Urteil durch eine übergeordnete juristische Instanz kassiert. So weit, so gut.
Bei näherer Betrachtung dieser richterlichen Entscheidung offenbart sich allerdings ein anderer Aspekt, der innerhalb des Integrationsdiskurses bezüglich Menschen muslimischen Glaubens symptomatisch ist. Es ist der Umgang mit dem Fremden als dem Anderen des Eigenen. Dabei wird unter den Begriffen Kultur oder Religion Verschiedenes subsumiert, um so in der öffentlichen Debatte um die Integration von Minderheiten eine klare Trennlinien zwischen Einheimischen und Zugewanderten entlang ihrer Religionszugehörigkeit ziehen zu können. War in den siebziger Jahren der Türke der Inbegriff des Fremden, der seine Frauen unterdrückte und seine Töchter misshandelte, hat sich der Radius heute um die MuslimInnen erweitert. Die Etikettierung des Fremden findet nunmehr nicht mehr entlang der Nationalität, sondern der Religionszugehörigkeit statt.

Hierbei wird einerseits ein einheitlicher europäisch-christlicher Kulturraum konstruiert und von denjenigen abgegrenzt, die nicht bereit oder in der Lage sind, sich die entsprechende „Leitkultur-Idee“ assimilatorisch zu Eigen zu machen, was sie höchst verdächtig macht. In dieser Selbst-Inszenierung bleibt der Islam stets das Andere des Eigenen, und dies insbesondere deshalb, da er mit seinen ostentativ gezeigten Symbolen und gelebten Praktiken in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft nicht nur die Funktion des Anderen, sondern ihm auch zunehmend die Funktion eines Feindbildes zugewiesen wird.

Mit diesem Konstruktionsprozess wird der Islam auf wenige griffige Merkmale und unkorrigierbare Vorurteile vereinfacht. Kontaminiert mit verschwörungstheoretischen Mustern wird der potentielle Feind aufgrund vermuteter großer Solidaritätsleistungen als derart mächtig vorgestellt, dass vermutet werden darf, bei eigener Unachtsamkeit könne das Eigene jederzeit der Vernichtung preisgegeben sein. Diese Islamophobie nimmt mittlerweile skurrile Formen an, so dass hier nur das Stichwort Idomeneo (Mozart Oper) oder wie die Bildzeitung betitelte „Koranrichterin“ erwähnt werden sollen. In beiden Fällen waren es Nicht-Muslime, die den Stein des Anstoßes geliefert hatten. Allein die Phantasien derer, die ihren Vorurteilen freien Lauf ließen reichten dafür aus, für bundesweiten Aufruhr zu sorgen.
Hintergrund dieser paranoid anmutenden Projektionsfläche ist ein monolithisches Bild vom Islam, das ihn tendenziell als aggressiv, fanatisch bis okkultistisch mit grausamen Zügen erscheinen lässt; eine Religion eben, der die Fähigkeit zur rational-zivilisatorischen bzw. demokratischen Problemlösung abgesprochen werden darf.
Distanzierungen von MuslimInnen von Positionen und Aktionen, die sich weder mit dem Islam noch mit einer demokratischen Grundhaltung vereinbaren lassen, können mittels dieses Bildes sehr leicht als strategisches Manöver abgetan werden.

Vertrauen kann man aus dieser, von unkorrigierbarer Selbstgewissheit getragenen, Perspektive lediglich Menschen mit muslimischen Lebenshintergrund, die ihrem Glauben gänzlich abgeschworen haben, wie beispielsweise das positive Echo auf die Gründung des „Zentralrats der Ex-Muslime“ zeigte.
Exemplarisch für diese Haltung kann hier der kürzlich erschienene Spiegelaufmacher „Mekka in Deutschland - die stille Islamisierung“ genannt werden. Dem Aufmacher zufolge könnte man meinen, dass die Islamisierung Europas unmittelbar bevorsteht. Ausgemachte Hindernisse zur Verhütung einer solchermaßen feindlichen Übernahme der europäisch-aufgeklärten Kultur sind laut Spiegel insbesondere die von Naivität und Gutmütigkeit geschlagenen Menschen, die aufgrund ihres Gutmenschentums die aggressiven Absichten der Muslime übersehen. Demnach ist jeder bekennender Muslim ein potenzieller „Islamist“, ein Hinterweltler, der einer „Kameltreiber-Kultur“ entsprungen ist, die der abendländisch-aufgeklärten Kultur nachhinkt und sich in ihren Grundfesten der Unmenschlichkeit verschrieben hat. Während die von Gutmütigkeit Geschlagenen sich von ihrer Naivität leiten lassen, unterwandern die Muslime, also denjenigen Menschen, in deren tiefstem Inneren ein Bin-Laden schlummert, das deutsche Rechtssystem. Dabei sind sie noch so unverschämt und skrupellos, so der Grundtenor des Artikels, in einem ihnen im Grunde wesensfremden demokratischen Rechtssystem ihre im Grundgesetz verbrieften Rechte einzuklagen.

Eigentlich sollte in einem Rechtstaat jedem klar sein, dass demokratische Gesellschaften sich von despotischer Willkürherrschaft dadurch unterscheiden, dass die dort garantierten Rechte für alle Menschen gleichermaßen gelten. Dass dem nicht immer so ist, hat uns das Urteil der Frankfurter Richterin gezeigt, das unter anderem die Empörung all jener auf den Plan rief, die insbesondere dann einen doppelten Maßstab fordern, wenn es um das Schächten nach islamischen Ritus, um die Genehmigung von Moscheebauten und um den islamischen Religionsunterricht geht. Hier zeigt sich ein Rechtsverständnis mit dem man allzu bereit scheint, zugunsten einer „Leitkultur-Idee“, demokratische Prinzipien preiszugeben.

Mit dieser religiös-kulturellen Assoziation des „Eigenen“ mit dem „Guten“ und dem „Anderen“ („der Islam“) als das „Böse“ hat man gewissermaßen die moralische Legitimation, das Andere als personifizierte Böses mit allen Mitteln zu bekämpfen. So ist es nicht verwunderlich, dass heute undifferenzierte antiislamische Vorurteile insbesondere dann in den Vordergrund stehen, wenn es um die Durchsetzung einer restriktiven Zuwanderungspolitik geht.

Die Autorin Naime Cakir ist die Frauenbeauftragte der Islamischen Religionsgemeinschaft in Hessen (IRH)

Quelle: ZMD Online -- 05. April 2007
  
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